Die Klingel
Der Prolog
oder
Das Vorspiel
Es klingelte. Es war nicht ungewöhnlich, dass es klingelte. Ab und an klingelte es morgens eben. Mal war es der Postbote, mal waren es die Zeugen Jehovas, die sich um ihr Seelenheil besorgten, und manchmal war es auch Paul, ihr Liebhaber. Ihr Ehemann war es nie. Der war arbeiten. Als was er arbeitete wusste sie nicht. Das einzige was sie wusste war, dass das Konto immer gut gefüllt war.
Langsam öffnete sie die Türe. Draußen stand ein Mann in Uniform. Es war nicht der Postbote. Paul war es auch nicht. Ein Polizist stand vor ihrer Tür. “Fein”, dachte sie sich, “einen Polizisten hatte ich noch nie!”
“Frau Müller?”, fragte er. “Das bin ich”, antwortete sie. “Kommissar Blitz”, sagte er und streckte ihr seine Marke vor die Nase, “Darf ich reinkommen?”
Sie öffnete die Türe ganz und gewährte ihm Einlass. “Setzen Sie sich doch”, sagte sie und deutete auf das gemütlich aussehnde Ledersofa. “Danke”, sprach der Kommissar und setzte sich, wenn auch sehr umständlich und ungeschickt, auf das Sofa. Frau Müller ging in die Küche. “Kaffee?”, brüllte sie ins Wohnzimmer. “Was?”, brüllte er zurück. Sie lugte aus der Küchentür ins Wohnzimmer.
“Ob Sie Kaffee wollen?”
“Gerne”
“Schwarz?”
“Nein, ich bin halb Marokkaner!”
“Was hat das denn damit zu tun?”
Kurze Zeit war Stille. “Wollen Sie nun Milch in ihren Kaffee oder nicht?”, fragte Frau Müller und brach so die Stille. “Nein Danke, ich trinke meinen Kaffee immer schwarz!”
Während Frau Müller den Kaffee liebevoll von der Kaffeepadmaschiene zubereiten ließ, drehte der Kommissar langsam seinen Kopf, um die Wohnung fachmännisch zu mustern. “Hübsch hat Sie es hier”, dachte er sich, “sehr hübsch” Man konnte nicht leugnen: Diese Wohnung war mit sehr viel Stil eingerichtet wurden. Diese Frau hatte eindeutig zu viel Zeit. “Und zu viel Geld”, fügte er in Gedanken hinzu.
“So da bin ich wieder”, sagte sie in einer diesonnescheintunddievögelzwitschern Gute-Laune Stimmung während sie die Kaffee Tasse vor den Kommissar stellte und gegenüber des Kommissares auf einem Ledersessel platz nahm. “Was führt sie hier her?”, fragte sie. Der Kommissar blickte unsicher und verstört zu Boden. “Sie müssen sich doch für nichts schämen”, redete ihn Frau Müller Mut zu, “Jeder Mann braucht halt ab und an Abwechslung. Ich bin da ganz diskret”
Verwirrt blickte der Kommissar wieder auf. Geradewegs in Frau Müllers strahlend blaue Augen. “Frau Müller”, stammelte er. “Nennen sie mich doch Julie”, hauchte sie ihm entgegen.
“Wie Julian?”
“Nein, Französisch wie Dschungel”
“Okay”
Noch bevor eine weitere Stille über die beiden einbrechen konnte, fing der Kommissar an zu reden.
“Dschulia”
Frau Müller blickte auf. Geradewegs in seine, nicht ganz so, aber doch schon ansehnlich hübschen braunen Augen.
“Ja”, hauchte sie.
“Ich will mich kurz fassen”
Er atmete einmal tief durch
“Ihr Mann ist Tod!”
Julies Blick verzehrte sich. Es war eine Mischung aus Freude und Leid, die sich nun in ihrer Mimik wiederspiegelte. Vielleicht dachte sie daran, dass ihr Mann gestorben ist. Vielleicht aber auch nur daran, dass sie nun von ihren eigenen Dienstleistungen über die Runden kommen müsste. Julie war eine Art Frau, der man so ziemlich alles zu traute und Mann so ziemlich alles zu- und reinsteckte.
“Keine Angst”, ergriff der Kommissar ergriffen von ihrem Mimikspiel wieder das Wort, “Er ist eines natürlichen Todes gestorben: gebrochenes Genick”
“Wie kann das sein?”
“Er ist die Treppe runtergefallen”, berichtete der Kommissar. “zwei Mal”, murmelte er hinterher. Julie blickte ihn ungläubig an. “Zwei Mal?”, fragte sie. “Einmal reichte ihm wohl nicht. Er ist nach dem ersten Mal anscheinend noch einmal hochgelaufen, um sich erneut runterfallen zu lassen!”
“So genug getrauert”, sprach Julie, “ich mochte ihn eh nicht sonderlich!” Der Kommissar betrachtete sie ungläubig. “Er war schlecht im Bett und kochen konnte er auch nicht”
“Aber Madame, über Tote redet man nicht schlecht!”
“Würden Sie sagen: Hitler war ein guter Mensch?”
“Natürlich nicht!”
“Sehen Sie! Ich auch nicht. Mein Mann war nun mal nicht so die Leuchte!”
Sie nippte an ihren Kaffee. Er tat es ihr gleich. “Warum sind sie eigentlich da?”, fragte Julie und nippte erneut an ihrer Kaffeetasse. Der Kommissar blickte auf einmal panisch um sich. “Ähm … Stellenstreichungen”, stammelte er, “Neuerdings müssen auch wir Polizisten traurige Botschaften übermitteln”. Hektisch nahm er einen Schluck aus der Tasse, während er sich weiter panisch im Zimmer umblickte. “Sie wissen schon”, stammelt er weiter, “Die Kirchen streichen Stellen … und dann können die es nicht mehr machen und … ähm Streifenpolizisten waren … ähm ja öhm alle … richtig … sie waren alle schon auf Streife, deswegen blieb nur ich übrig.”
Kommissar Blitz schien sich mental die Schweißtropfen von seiner Stirn zu wischen, die trotzdem nicht verschwanden, was eventuell daran liegen könnte, dass er es nur mental versuchte. Er schien erleichtert zu sein, dass er noch schnell die “Kurve” bekommen hatte und so seine offensichtliche Lüge verdecken konnte. Er schien nicht scharf auf eine erneute Spontanlüge gewesen zu sein, weswegen er schnell seine Tasse austrank, aufsprang und fluchtartig das Haus verließ.
“Komischer Kautz”, dachte Frau Müller sich, “hätte mich als nun arme Witwe trösten können!” “Auf besondere Art”, fügte sie gedanklich hinzu während sie schmunzelte. Sie schloss die Tür, drehte sich um und ging zurück ins Wohnzimmer.
Ein weißer unaufällig auffälliger Briefe lag auf dem Wohnzimmertisch. Julie war sich sicher, dass er nicht vorher dargelegen hatte. “Vielleicht war er nur zu schüchtern und hat trotzdem bezahlt”, sprach sie zu sich selbst. Ging zum Brief und öffnete ihn.
“Na toll!”
Sichtlich enttäuscht packte sie den inneliegenden Brief aus.
“Jetzt muss ich auch noch lesen. Der Tag scheint echt nicht mein Bester zu werden!”
“Liebe Frau Müller”, begann sie zu lesen, “Es tut mir Leid”, las sie weiter, “Ich habe sie angelogen. Ihr Mann ist nicht wirklich eines natürlichen Todes gestorben.” Julie dachte nach, ob sie dann mehr aus der Lebensversicherung bekommen könnte. Während sie noch nachdachte las sie weiter: “Ihr Mann wurde getötet. Zweimal die Treppe runter geschubbst. Wir wissen nicht wer es getan hat, aber wir rechnen mit dem schlimmsten.”
Ja! Sie war sich sicher. Sie würde mehr Geld bekommen. Sie müsste es nur geschickt anstellen. “Arme Witwe, Mann verloren - Exklusiv im Nachmittags-Bildungsfernseh’n” Sie war sich sicher: Damit konnte sie eine menge Geld machen!
Sie legte den Brief, ohne ihn zu Ende gelesen zu haben, zurück auf den Wohnzimmertisch und begann damit den Tisch abzudecken.
“Apropo decken”, dachte sie sich, während sie die Tassen in die Spülmaschiene räumte, “Wo ist eigentlich Paul, wenn man ihn mal braucht?” Schon wieder klingelte es. “Huch! Das ging ja mal schnell, so früh kommt er ja sonst nie!”

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